Ailin Nolmans, 2026
Performance, 20min.
Samstag, 17. Oktober 2026, 14 Uhr
Sonntag, 18. Oktober 2026, 11 Uhr
Entenküken prägen sich kurz nach dem Schlüpfen auf einen bewegten Körper und folgen ihm. (Bestenfalls ihrer Mutter.) Eine frühe, kaum revidierbare Einschreibung, die Orientierung und Zugehörigkeit festlegt.
Diesem Prinzip steht das Ideal des modernen westlichen Subjekts scheinbar entgegen: Selbstbestimmung, Individualität, der eigene Weg. Wir sollen uns selbst entwerfen, immer wieder aufs Neue, unsere Möglichkeiten ausschöpfen, Kunst machen, die GANZ UNS SELBST entspringt, und uns dabei möglichst von allen anderen unterscheiden. (Aber bloss nicht zu sehr, sonst gehören wir nicht mehr dazu!). Doch der Wunsch nach Einzigartigkeit entsteht nie im luftleeren Raum. Körper, Begehren und Entscheidungen tragen stets die Spuren dessen, was sie umgibt. Das Versprechen maximaler Freiheit produziert den Zwang zur permanenten Wahl; der Möglichkeitsraum wird selbst zur Disziplinierung. Die Ente hat dieses Problem vorerst nicht. Dafür wird sie vielleicht von Greifvögeln gefressen. What do you prefer?
Für I’LL COME WITH YOU nimmt Ailin Nolmans das Prinzip der Prägung beim Wort. Ausgehend von einer Entenfamilie am Zürichsee setzt sie den eigenen Körper Prozessen des Ablegens, Vervielfältigens, Anpassens und Artenwechsels aus. Prägung wird körperlich erprobt, Zugehörigkeit zur Verhandlung und die Ente vom Beobachtungsgegenstand zur möglichen Handlungsanweisung. Folgen und Abweichen, Sich-Eingliedern und Sich-Unterscheiden verlieren dabei ihre vermeintliche Eindeutigkeit; ebenso wie die Grenze zwischen Selbstversuch und Enten-Werden.
Wie viel Eigenes muss ein Körper darstellen, um als individuell zu gelten? Kann man sich selbst abstreifen? Und wenn gar der Wunsch, einzigartig zu sein, bereits eine Prägung ist: wem oder was folgen wir, wenn wir glauben, unseren eigenen Weg zu gehen?
Ailin Nolmans (*1996) ist eine interdisziplinäre Künstlerin und Kulturwissenschaftlerin mit niederländischen, italienischen und deutschen Wurzeln. Von Zürich aus arbeitet sie in der Schweiz und in Deutschland experimentell an der Schnittstelle von Performancekunst, Schauspiel, Tanz und Rauminstallation und verbindet dabei biografische Ausgangspunkte mit anthropologischer Forschung.
In multimedialen Versuchsanordnungen und Langzeitperformances setzt sie Körper, Stimme und Bewegung als Material und Austragungsort gesellschaftlicher Einschreibungen ein. Mittels radikaler Verlangsamung, Wiederholung und körperlicher Ausdauer untersucht Nolmans psychische und physische Grenzerfahrungen, veränderte Bewusstseinszustände sowie soziokulturelle Konstruktionen von Natürlichkeit und Artifizialität. Motive des Absurden oder Verschiebungen in die Groteske destabilisieren dabei normative Logiken von Zeit, Produktivität und Kontrolle und eröffnen utopisch-eskapistische Mikrokosmen.
Nolmans performte unter anderem am Kunsthaus Zürich, Schauspielhaus Zürich, Theaterhaus Gessnerallee und an der Kunsthalle Giessen; arbeitete zusammen mit René Pollesch, Marina Abramović, Jordi Vilardaga, Peter Niklaus Steiner, Stefan Pucher und vielen Weiteren.
